Montag, 26. April 2010

Sinnesphysiologie: Nicht alle Affen sehen rot

Warum manche Primatenmännchen farbenblind sind

Aus: Spektrum der Wissenschaft, Mai 2010

Farbensehen ist bei den Affen ungerecht verteilt. Zwar können wir Menschen viel mehr Farbtöne unterscheiden als die Mehrheit der Säugetiere, für die Rot und Grün dasselbe ist. Auch die meisten anderen Primaten haben eine reiche Farbwelt wie wir – jedoch nicht alle. Wie jetzt in der Mai-Ausgabe von "Spektrum der Wissenschaft" zwei amerikanische Forscher berichten, sind Affenarten der neuen Welt schlechter dran.
Bei den so genannten Neuweltaffen in Mittel- und Südamerika, also Klammer- und Brüllaffen, Totenkopf-, Krallenaffen und viele mehr, sind insbesondere die Männer diskriminiert. Von den Weibchen können immerhin ungefähr zwei Drittel Farbtöne im Rot-Grün-Spektrum unterschieden. Die Männchen sind davon ausgeschlossen, einfach weil ihnen die nötige Genausstattung fehlt. Das entdeckte der Neurowissenschaftler und Psychologe Gerald H. Jacobs von der Universität von Kalifornien in Santa Barbara, einer der Autoren des Artikels bei "Spektrum der Wissenschaft". Gemeinsam mit dem zweiten Autor, Jeremy Nathans von der Johns-Hopkins-Universität in Baltimore (Maryland), erforschte er den genetischen Hintergrund für dieses skurrile Phänomen. Unerwartet erkannten die Wissenschaftler dabei auch, wie die Evolution unseres eigenen Farbsinns verlief.

Nathans leistete auf dem Gebiet vor über zwanzig Jahren Pionierarbeit, als er die Gene für das Farbensehen entdeckte. Der Mensch, und mit ihm die so genannten Altweltaffen – alle Arten in Afrika und Asien bis hin zum Schimpansen –, verfügt über Gene für drei verschiedene Farbsehpigmente. Zwei davon, die für das Rot- und Grün-Sehen, gehören eng zusammen und liegen beide dicht beieinander auf dem X-Chromosom.

Wie sich zeigte, besitzen die Affen Amerikas nur ein solches Gen auf dem X-Chromosom. Eigentlich sollten darum alle diese Tiere rot-grün-blind sein. Den Weibchen dieser Affen half aber ein Evolutionstrick: Das Gen auf dem X-Chromosom kommt in verschiedenen Varianten daher. Die entsprechenden Pigmente reagieren dadurch auf etwas verschobene Bereiche des Lichtspektrums. Wer dann zwei unterschiedliche Varianten abbekommt – und nur Weibchen besitzen ja zwei X-Chromosomen –, sieht nun rote oder gelbe Früchte zwischen den grünen Blättern leuchten.

Es sieht so aus, als hätten auch die Altweltaffen mit dieser Ausstattung angefangen. Erst später gelangten durch einen Fehler bei den Keimzellen zwei verschiedene solche Varianten auf dasselbe Chromosom. Offensichtlich erwies sich die Mutation gleich als so vorteilhaft, dass sie sich bei den Primaten in diesem Teil der Welt schnell durchsetzte.

Übrigens könnte es sein, dass manche Frauen sogar vier verschiedene Farbsehpigmente besitzen, sofern die beiden Gene auf unserem X-Chromosom ihrerseits in Varianten vorkommen. Männer hätten das Vergnügen wiederum nicht.