Dienstag, 29. September 2015

Lärmangriff auf gefährdete Mönchsrobben und Wale

Wädenswil, 29. September 2015: Mönchsrobben sind die am stärksten gefährdete Meeressäugerart Europas. Der Gesamtbestand wird im östlichen Mittelmeer auf knapp 300 und im gesamten Mittelmeer auf maximal 450 Individuen geschätzt. Nun plant ein US-amerikanisches Unternehmen inmitten des Verbreitungsgebietes der vom Aussterben bedrohten Robben vor der griechischen Insel Santorin Schallkanonen einzusetzen, um die Bodenbeschaffenheit zu erforschen. Ein Lärmangriff, der fatale Folgen für die Meerestiere haben kann.
Im November und Dezember 2015 soll während 30 Tagen und insgesamt 384 Stunden alle zehn bis 15 Sekunden Explosionsschall von mehr als 240 dB in den Meeresgrund um die Insel Santorin ausgesandt werden. Das Echo der Schallwellen, die mehrere Hundert Meter in die Erdkruste am Meeresgrund eindringen, wird mit 93 Empfängern registriert und danach analysiert. OceanCare warnt vor dramatischen Folgen für die Meeresbewohner und sieht in dem Projekt des US-amerikanischen Unternehmens Lamont-Doherty Earth Observatory einen klaren Verstoss gegen gültige Artenschutzbestimmungen.

In der Vergangenheit haben griechische Behörden seismische Tests, die bei der Suche nach Bodenschätzen eingesetzt werden, ohne grosse Auflagen genehmigt. Auch der durch die NATO verursachte Unterwasserlärm wurde in der zentralen Ägäis ohne Risikominimierung geduldet. In der Folge kam es mehrfach zu Walstrandungen von tieftauchenden Pott- und Schnabelwalen, die besonders lärmempfindlich sind (siehe Grafik). Die Beschallung kann die Tiere physisch verletzen und sogar töten oder sie aus dem angestammten Lebensraum vertreiben.

Meeresschützer sehen in den Auflagen des Marine Mammal Protection Act der USA, eine für amerikanische Unternehmen bindende Gesetzgebung eine Chance, das Projekt zu verhindern. Erst vergangene Woche verpflichtete sich die US-Marine dazu, auf Aktivitäten, die intensiven Lärm verursachen, in bestimmten für Walarten sensiblen Gebieten zu verzichten. „Ein Schnabelwal im Mittelmeer ist genauso lärmempfindlich wie seine Artgenossen im Pazifik. Und seismischer Lärm ist ähnlich gefährlich wie der von Militärsonar“, erklärt Sigrid Lüber, Präsidentin von OceanCare. Sie verweist auf den Sonderschutzstatus der Walarten und Mönchsrobben durch internationale Verträge, wie zum Beispiel durch die Bonner Konvention sowie die Biodiversitätskonvention und durch das Walschutzabkommen im Mittelmeer. Das für die Untersuchungen vorgesehene Gebiet wurde zudem von der Biodiversitätskonvention als ökologisch und biologisch wertvolle Zone ausgezeichnet.

„Jahrelang gab es intensive Bemühungen, die Mönchsrobben in der Ägäis vor dem Aussterben zu bewahren. Zum Schutz der wenigen verbleibenden Tiere wurde eigens ein Schutzgebiet etabliert. Und nun sollen die Tiere über mehrere Wochen zugedröhnt werden? Das Risiko ist hier einfach zu gross, besonders wenn man bedenkt, dass die vom Lärm verschreckten Mönchsrobben Jungtiere zurücklassen müssten, die ohne ihre Mütter wohl nicht überleben können“, warnt Lüber und fordert eine klare Absage an das Projekt durch die US-amerikanischen Behörden.

Nicolas Entrup, Campaigner für OceanCare und die US-amerikanische Naturschutzorganisation NRDC, sieht die europäischen Institutionen in der Pflicht: „Eine Umweltverträglichkeitsprüfung kann in so einem Fall kaum zu einem für das Projekt positiven Urteil kommen. Doch was tun, wenn seitens der griechischen Behörden gar keine Umweltverträglichkeitsprüfung verlangt wird?“.

Bis Anfang Oktober 2015 läuft die öffentliche Konsultation der US-Behörden für die von Lamont-Doherty Earth Observatory  beantragten geophysikalischen Untersuchungen. OceanCare wird das Projekt zeitgerecht kommentieren und bietet der Öffentlichkeit an, ebenfalls Kommentare einzureichen: http://oceancare.org/santorin

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