Freitag, 4. September 2015

LVR-LandesMuseum Bonn präsentiert neue Sicht auf Jungsteinzeit


Gesonderter Ausstellungsteil zeigt Sensationsfund „Ältester Wald der Welt“ und weitere archäologische Highlights

Schirmherrin ist die Ministerpräsidentin des Landes Nordrhein-Westfalen, Hannelore Kraft

BONN. Das LVR-Landesmuseum Bonn zeigt ab kommenden Samstag, 5. September, bis zum 3. April 2016 die große Archäologische Landesausstellung Nordrhein-Westfalen mit dem Schwerpunktthema REVOLUTION jungSTEINZEIT. Die Ausstellung widmet sich damit einer der wichtigsten Epochen der Menschheitsgeschichte, der Jungsteinzeit (Neolithikum). Erstmals werden in der großen Schau die Auswirkungen des enormen gesellschaftlichen Wandels, der sich in der Zeit von Ötzi und Stonehenge vollzog, brennenden Fragen und gesellschaftlichen Herausforderungen unserer Zeit gegenüber gestellt – von Überbevölkerung und Überschussproduktion bis hin zu Ernährung und Klimawandel.

In einem zweiten Abschnitt widmet sich die Schau den bedeutendsten archäologischen Funden Nordrhein-Westfalens aus den vergangenen fünf Jahren, darunter der Sensationsfund des ältesten Waldes unserer Erde.
Insgesamt rund 1.000 Objekte aus Museen, Sammlungen und Forschungseinrichtungen aus ganz Nordrhein-Westfalen, Deutschland und Europa, darunter eine Vielzahl noch nie zuvor ausgestellter Funde, machen dieses umfassende Ausstellungsprojekt zu einem einzigartigen überregionalen Ereignis.

REVOLUTION jungSTEINZEIT

In der Epoche der Jungsteinzeit, im Neolithikum, vollzog sich ein fundamentaler Wandel, der weit größere Veränderungen mit sich brachte als die Industrielle Revolution im 19. Jahrhundert: Der Mensch, der seit 2,5 Millionen Jahren als Jäger und Sammler im Einklang mit der Natur lebte, beginnt vor rund 12.000 Jahren in seine Umwelt einzugreifen und sie zu gestalten, indem er Ackerflächen schafft, Viehzucht betreibt und feste Siedlungen errichtet. Diese jungsteinzeitliche „Revolution“, die im 11.-8. Jahrtausend v. Chr. im Vorderen Orient einsetzt, steht am Anfang unserer modernen Zivilisation nicht nur in Europa und ist zugleich Ausgangspunkt für viele soziale und technische Innovationen, aber auch Probleme der Gegenwart. Dieser Prozess vollzieht sich in verschiedenen Phasen zwischen 5.300 und 2.200 v. Chr. im heutigen Nordrhein-Westfalen, das zu einer der besterforschten Regionen der Jungsteinzeit in Europa zählt.

Die Ausstellung REVOLUTION jungSTEINZEIT versammelt einzigartige Funde, darunter das erst jüngst geborgene Skelett eines von mittelsteinzeitlichen Jägern erlegten Auerochsens, den monumentalen Brunnen von Kückhoven – das größte jemals geborgene Architekturmonument der Jungsteinzeit in Mitteleuropa mit den darin außergewöhnlich gut erhaltenen hölzernen Gegenständen – sowie die mit äußerster Sorgfalt geschliffenen Prunkbeilklingen aus Jadeit. Bahnbrechende Erfindungen wie die Entwicklung des Rades und des Pflugs, die Keramikherstellung für die Vorratshaltung, der Brunnen- und Bergbau  und die frühe Metallverarbeitung zeigen, welche technologischen, wirtschaftlichen und sozialen Innovationen diese neue, sesshafte Lebensweise hervorgebracht hat. Aber auch Themenfelder wie Handel, Mobilität, Migration, Wirtschafts- und Ernährungsweisen und die damit verbundenen Umweltveränderungen werden in den Blick genommen.

Neueste Ergebnisse auf der Basis moderner archäologischer und naturwissenschaftlicher Methoden wie der Paläogenetik, der Archäobotanik und Archäozoologie erlauben zudem erstmals detaillierte Einblicke in die Lebensschicksale einzelner Menschen und geben Auskunft über Herkunft, Ernährungsgewohnheiten, Krankheiten und Alter. Dabei zeigt sich auch, dass die Laktoseunverträglichkeit nicht erst ein Phänomen unserer Zeit ist.

REVOLUTION jungSTEINZEIT zum Anfassen

Abwechslungsreiche Mitmachbereiche und lebendig inszenierte Medienstationen, darunter die Teilrekonstruktion eines 40 Meter langen Hauses, die Gesichtsrekonstruktion einer jungsteinzeitlichen Frau oder ein „gedeckter Tisch“ mit Steinzeitprodukten, lassen das Leben der ersten Ackerbauern und Viehzüchter vor rund 7.000 Jahren in der Ausstellung lebendig werden. Ein umfangreiches Begleitprogramm mit Führungen, Vorträgen, Workshops und Familientagen, unter anderem mit Schauspieler und Comedian Bernhard Hoëcker, informiert über aktuelle Forschungen und gibt Einblicke in die beeindruckenden Fertigkeiten des jungsteinzeitlichen Menschen.

Für bundesweites Aufsehen sorgte bereits vor Ausstellungsbeginn das große NRW-Steinzeitreise-Experiment „Ötzi-Walk“ (16.8.-30.8.). Die drei Experimental-Steinzeitler Marco Hocke, Veronika Hocke und Lukas Heinen erprobten auf ihrer rund 350 Kilometer langen Wanderung quer durch NRW – von Detmold über Herne bis nach Bonn – Leben und Überleben in steinzeitlicher Ausrüstung. Die Ergebnisse dieses Experiments werden ebenfalls in der Ausstellung präsentiert. Ihre auf der Grundlage archäologischer Funde hergestellte Kleidung kann ebenfalls ausprobiert werden.

Forschungen – Funde – Methoden
Archäologische Highlights der vergangenen fünf Jahre

Ein eigenständiger Ausstellungsabschnitt präsentiert unter dem Titel „Forschungen – Funde – Methoden“ dann die spektakulärsten Funde aus den letzten fünf Jahren archäologischer Ausgrabungen und Forschung in Nordrhein-Westfalen. Vertreten sind Funde aus allen Epochen – von der frühen Erdgeschichte über die Altsteinzeit, Bronze- und Eisenzeit, die Römerzeit und das Mittelalter bis hin zur Neuzeit. Ein absolutes Highlight dieser Abteilung ist der Sensationsfund des ältesten Waldes der Welt (390 Mio. Jahre), der international Aufsehen erregte. Aber auch ein Flugsaurier mit 5 Metern Spannweite und seltene Figuren aus Schildpatt (Schildkrötenpanzer), die auf einem römischen Kästchen montiert waren, zählen zu den Highlight-Funden der vergangenen Jahre. Einmal mehr wird deutlich, welche einzigartigen archäologischen Schätze aus allen Epochen Teil der nordrhein-westfälischen Geschichte sind.

Die Ausstellung erklärt die aktuellen Arbeitsweisen, Forschungsansätze und Methoden der Archäologie und ihrer Nachbardisziplinen, zu denen auch die Naturwissenschaften zählen. Zudem informiert sie über das 2013 in Nordrhein-Westfalen eingeführte „Schatzregal“, das die Eigentumsverhältnisse von Funden zwischen Finder, Eigentümer und Staat neu regelt.

Mit Bernhard Hoëcker durch die Ausstellung

Einen informativen und zugleich amüsanten Rundgang durch die Ausstellung bietet der von Bernhard Hoëcker besprochene Audio-Guide zur Archäologischen Landesausstellung. Mit viel Humor, Augenzwinkern und Wissen begleitet der Schauspieler und Comedian den Besucher durch die beiden Ausstellungsabschnitte „REVOLUTION jungSTEINZEIT“ und „Funde – Forschungen – Methoden“. Dabei erklärt er auf gekonnt leichte Weise auch komplexe Zusammenhänge und stellt die wichtigsten und kuriosesten Objekte der Ausstellung vor – von der jungsteinzeitlichen Speisekarte bis zu einem seiner Lieblingsexponate – einer 100 Millionen Jahre alten Milbe und ihrer dramatischen Geschichte.

Die Archäologische Landesausstellung NRW 2015 steht unter der Schirmherrschaft der Ministerpräsidentin des Landes Nordrhein-Westfalen, Frau Hannelore Kraft.  Initiator der Landesausstellung ist das Ministerium für Bauen, Wohnen, Stadtentwicklung und Verkehr des Landes Nordrhein-Westfalen. Im Anschluss an die Präsentation im LVR-LandesMuseum Bonn (bis 3. April 2016) wird die Ausstellung vom 2. Juli 2016 bis zum 26. Februar 2017 im Lippischen Landesmuseum Detmold und vom 3. Juni bis zum 22. Oktober 2017 im LWL-Museum für Archäologie, Westfälisches Landesmuseum Herne gezeigt.

Die Archäologische Landesausstellung ist eine bundesweite Institution und berichtet mit großem Erfolg seit 1990 im Fünfjahresturnus über die Ergebnisse bodendenkmalpflegerischer Tätigkeit und Forschung in Nordrhein-Westfalen. Sie vermittelt archäologische und paläontologische Forschungen und Funde sowie die vielfältige Denkmälerlandschaft an eine breite Öffentlichkeit und an die Fachwelt.