Mittwoch, 7. Oktober 2015

„Sich selbst zu fotografieren ist ja kein Phänomen des 21. Jahrhunderts“

Alain Bieber, seit April Künstlerischer Leiter des NRW-Forum Düsseldorf, erzählt im „rampstyle“-Interview, wie sich das „Ich“ durch die digitalen Medien verändert und wie er das ehemals wichtige Kunstzentrum Düsseldorf aufmischen will.

Auszug

Wie geht es denn dem »Ich« in der aktuellen, flüchtigen virtuellen Welt?
Erst einmal zum »Ich«. Da verändert sich zurzeit extrem viel.
Und das ist auch das Thema der Ausstellung. »Ego Update«
wurde immer so als die Selfie-Ausstellung beschrieben. Aber
uns geht es im Kern um das Thema »Identität« und »Identitäten«.
Es geht um die regionale Identität, die europäische
Identität, die digitale Identität. Und darum, was sich eben
verändert durch diese ganze Digitalität und die neuen Medien
mit ihren sozialen Netzwerken. Da muss man einfach feststellen,
dass das Private auf eine gewisse Weise öffentlich
geworden ist. Sich selbst zu fotografieren ist ja kein Phänomen
des 21. Jahrhunderts, es gab ja auch schon früher Menschen,
die sich an bestimmten Orten selbst abgelichtet haben, als
Beweis, dort gewesen zu sein: »Ich war in New York.« »Ich war
vor dem Eiffelturm.« Und so weiter. Das ist genau das, was
man bei asiatischen Touristen immer schon belächelt hat.
Aber inzwischen macht es jeder selbst.

Was ist der Antrieb dafür?
Da geht es so ein bisschen darum: »Das bin ich, das kann ich,
das habe ich.« Das will man natürlich teilen. Was dann wiederum
zu so schönen Sprüchen führt, wie: Wir werden alle
irgendwie zu privaten Paparazzi. Auf der anderen Seite – und
das ist das Neue an dieser Selbstfotografiererei – ist das »Ich«
auf der Suche nach dem »Wir«. Wir teilen uns ja auf sozialen
Netzwerken. Heißt: Wir fotografieren uns selbst, aber wir wollen
damit nicht alleine sein, sondern kommunizieren uns in
der Community.

Läuft das »Ich« da nicht Gefahr, sich in der digitalen Vielfalt
selbst zu verlieren?
Nein, das glaube ich nicht. Durch diese Präsenz auf den sozia-
len Netzwerken findet ja eine Konstruktion der Identität
statt. Ich denke, dass sich einfach nur die Konstruktion an
sich verändert.

Wie rebellisch muss oder darf heute eigentlich Kunst sein, damit sie Gehör findet?

Erst einmal: Ich finde es supersupergut, jetzt in Düsseldorf
zu sein. Denn gerade Düsseldorf war ja in den Siebzigern und
Achtzigern ein für Deutschland extrem wichtiges Kunstzentrum.
Aber heute hat man so den Eindruck, dass alles ein wenig
eingeschlafen ist. Und entsprechend lauter werden die Rufe,
dass wir mal wieder einen Kunstskandal bräuchten. Also ein-
fach ein bisschen Aufruhr, jemand, der irgendwie wieder
frischen Wind reinbringt.
 
Wie sieht Ihr frischer Wind als Künstlerischer Leiter denn aus?
Wir wollen mit unserem Programm rausgehen aus dem Museum,
wir wollen ja die Leute erreichen. Es ist ja so: Es gibt zwar
absolut gesehen immer noch viele Menschen, die in Museen
und Ausstellungen gehen. Relativ gesehen sind das aber nur
fünf, sechs Prozent, lassen Sie es sieben Prozent sein. Mich
interessieren aber auch die ganzen Menschen, die nicht mehr
in Museen gehen oder Ausstellungen. Wie erreichen wir die?
Mit kultureller Bildung? Vermittlungsprogrammen? Medienkompetenzen?
Deswegen werden wir auch Ausstellungen machen,
die außerhalb des NRW-Forum Düsseldorf stattfinden.
Ich denke da zum Beispiel an Interventionen im öffentlichen
Raum oder Ähnliches.


Pressekontakt:
Michael Köckritz, Herausgeber/Chefredakteur
Tel. 0 71 21/4 33 04 720, presse@redindians.de            

Über Red Indians Publishing
In dem von Michael Köckritz und Christian Gläsel gegründeten Verlag Red Indians Publishing, erscheint seit 2007 das Avantgarde-Autokulturmagazin ramp, seit 2011 rampstyle und seit 2013 die Line Extensions rampclassics und rampdesign. Das Autokulturmagazin ramp sowie das Männerlifestylemagazin rampstyle wurden mehrfach national und international ausgezeichnet. www.ramp-magazin.de