Donnerstag, 13. August 2009

Papyrusforschung: Jäger des verlorenen Wissens

Forscher machen Schriftrollen wieder lesbar und schaffen so neue Einblicke in die antike Welt

Aus: epoc, 5/2009

Nur ein Prozent der Schriften von Römern, Griechen und Ägyptern ist bis heute erhalten. Damit die wertvollen Papyri nicht unter den Händen der Wissenschaftler zu Staub zerfallen, ist viel Know-how gefragt: Forscher versuchen mit modernen Methoden, die antiken Texte wieder lesbar zu machen. So haben sie bereits längst verschollen geglaubte Werke aus Herculaneum und Alexandria wieder hergestellt, wie das Geschichtsmagazin epoc (epoc 5/09) berichtet.

Bei Ausgrabungen in Herculaneum (heute Ercolano) bargen Archäologen fast 1800 Schriftrollen aus einer römischen Villa. Die Stadt am Golf von Neapel war beim Ausbruch des Vesuv 79 n. Chr. gemeinsam mit Pompei verschüttet worden, wobei die mehrere hundert Grad Celsius heiße Glut die Papyri zu schwarzen Würsten zusammendampfte. Das pflanzliche Material wurde so konserviert – doch schon bei der leichtesten Berührung zerbrechen die Rollen. Ein Expertenteam aus Italien und den USA will sie dennoch rekonstruieren. Die nötige Technik dazu entwickelten norwegische Wissenschaftler in den 1980er Jahren: Der verkohlte Papyrus wird mit einer leimartigen Substanz bestrichen, die in die Fasern eindringt. Nach einer Weile ist das Material fest und die Rolle lässt sich vorsichtig öffnen.

Um anschließend die Schrift auf den Seiten lesbar zu machen, benutzen Papyrologen seit einigen Jahren Infrarottechnik. Eine hoch auflösende Digitalkamera macht mit Infrarotstrahlen Zeichen und Linien sichtbar, die das menschliche Auge nicht mehr wahrnehmen kann. Dank dieser Verfahren konnten mittlerweile 150 Schriftstücke aus Herculaneum entziffert werden. Dabei kamen bisher unbekannte Texte des Philosophen Philodemos von Gadara (um 110-40 v. Chr.) zum Vorschein. Sie geben Einblick in die noch ältere Schule des berühmten Denkers Zenon von Elea, der im 4. Jahrhundert die Grundlagen der Argumentation erfunden haben soll.

Dies sind nicht die einzigen bedeutenden Stücke, auf die Forscher bisher gestoßen sind. So entdeckten sie Epigramme des Dichters Poseidipos, der bislang nur dem Namen nach bekannt war. Die Arbeiten des Geografen Artemidor von Ephesus dagegen galten als verloren, sie lagerten um 100 v. Chr. in der Bibliothek von Alexandria und gingen später unter. Doch vor etwa zehn Jahren fand die Papyrologin Bärbel Krämer aus Trier einen Teil davon wieder – als Füllmaterial einer Mumienmaske. Forscher puzzelten die Schnipsel wieder zusammen und präsentierten schließlich eine Landkarte des Artemidor. Sie ist bis heute die älteste erhaltene Karte des klassischen Altertums.

Über epoc:
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