In Abydos, dem Kultort des ägyptischen Totengottes Osiris, rekonstruierten Archäologen jahrtausendealte Prozessionswege. In ihrem Verlauf manifestiert sich die Hoffnung der alten Ägypter, der Vergänglichkeit zu entkommen
Ägypten: Wege ins Reich der Verstorbenen
Einst war Abydos einer der heiligsten Orte Ägyptens. In der rund 160 Kilometer von Luxor entfernten Stadt opferten die Menschen Osiris, dem Herrscher über das Totenreich. In “epoc“ (Ausgabe 6/09) berichten Archäologen des Deutschen Archäologischen Instituts von einer kleinen Sensation: Sie fanden uralte Prozessionsstraßen in Abydos, die zeigen, wie lebendig die Hoffnung auf eine Leben nach dem Tod im alten Ägypten war.
Jenseitsvorstellungen spielten eine zentrale Rolle in der altägyptischen Gesellschaft, was der Osirismythos besonders eindrücklich zeigt: Von seinem neidischen Bruder attackiert, starb Osiris einen grausamen Tod, erwachte aber zu einem neuen Leben im Reich der Verstorbenen – dem Wunder der Mumifizierung sei Dank!
Jahr für Jahr gedachten die Menschen diesem geheimnisvollen Geschehen in einem Prozessionsspektakel in Abydos. Hier, so glaubten sie, lagen sowohl Grab, als auch Tempel des Totengottes. Forscher des Deutschen Archäologischen Instituts in Kairo haben nun herausgefunden, dass bei diesen Feierlichkeiten mehrere grandiose Festzüge stattfanden, angeführt vom Pharao selbst.
Schon länger bekannt ist, dass eine Statue des Gottes rituell in seinem Grab bestattet wurde. Eine Öffnung in der westlichen Wand der Gruft diente als Ausgang, durch den Osiris nach seiner Widerbelebung ins Jenseits gelangen konnte. Die Öffnung wies nach Westen, wo die Sonne unterging und das Totenreich begann.
Bei aktuellen Untersuchungen entdeckten die Archäologen, dass die Prozession jedoch noch nicht am Osirisgrab endete, sondern in Richtung eines unscheinbar anmutenden Hügels fortgesetzt wurde. Darauf weisen unzählige Keramikscherben hin, die jenen Opfergefäßen ähneln, die am Osirisgrab gefunden wurden. Außerdem endeten noch zwei weitere, bislang unbekannte Prozessionsachsen an diesem rätselhaften Hügel. Offenbar pilgerten die Gläubigen von mehreren heiligen Stätten in Abydos hierher.
Richtet man den Blick von jener Erhebung aus gen Westen, springt unmittelbar ein schmales Tal in einem Felsplateau ins Auge – das Tor zum Totenreich. Die geografischen Gegebenheiten in Abydos hatten für die alten Ägypter offenbar eine sakrale Bedeutung. So muss auch der Hügel als Knotenpunkt der heiligen Straßen vor dem Eingang ins Jenseits von besonderer Relevanz gewesen sein. Die Archäologen vermuten, dass die Menschen darin den Urhügel der altägyptischen Mythologie erkannten: Hier soll in einer fernen Vergangenheit das Festland aus dem Wasser aufgetaucht sein und die Schöpfung ihren Anfang genommen haben.
Auch wenn sich die Bedeutung der heiligen Orte in Abydos heute nicht mehr in allen Fällen mit Sicherheit erschließen lässt, so steht doch fest: Die Osirisfeiern waren über 2000 Jahre lang eines der größten religiösen Spektakel im Alten Ägypten.
Über epoc:
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