Mittwoch, 27. Januar 2010

Mit Wirkverstärkern zur Krebsimpfung

Die Querelen um die "Zwei-Klassen-Impfung" gegen Schweinegrippe beschwerten Wirkverstärken reichlich schlechte Presse. Richtig ist: die Substanzen sind neu und noch wenig getestet. Doch viele Forscher sehen in ihnen den nächsten Meilenstein der Präventivmedizin, mit dem sich womöglich auch Krankheiten wie Krebs, Alzheimer oder Malaria aufhalten lassen.

Aus: Spektrum der Wissenschaft, Februar 2010

Reihen eiserner Lungen mit polio-gelähmten Kindern oder embryonale Missbildungen durch Röteln in der Schwangerschaft – manch einer denkt noch mit Schrecken an die Zeit zurück, als solches Leid noch nicht durch geeignete Impfstoffe zu verhindern war. In Industrienationen sind die jüngeren Generationen heute glücklicherweise praktisch nicht mehr damit konfrontiert. Eine der größten Erfolgsgeschichten kann zweifellos die Pockenimpfung aufweisen: Die frühere Massenseuche gilt seit dem Jahr 1979 weltweit als ausgerottet.

Eines Tages könnte ähnliches auch auf die gefährlichsten Krankheiten von heute wie Malaria, Tuberkulose oder gar Krebs zutreffen, glauben Nathalie Garçon und Michel Goldman. Die beiden belgischen Immunologen geben in der Februar-Ausgabe von "Spektrum der Wissenschaft" einen Einblick in die aktuelle Impfstoffforschung. Kernbestandteil ihrer Arbeit ist die Suche nach neuen Wirkverstärkern.

Bisherige Impfstoffe trainieren das Immunsystem lediglich, indem sie ihm geschwächte oder tote Exemplare eines Erregers präsentieren, den der Körper daraufhin zu bekämpfen lernt. Bei einigen Erregertypen reagiert die körpereigene Abwehr allerdings kaum auf die vorgetäuschte Krankheit, so dass eine Impfung nicht funktioniert. Bei alten Menschen und Personen mit schwachem Immunsystem versagen zudem auch sonst erfolgreiche Impfstoffe häufig. In beiden Fällen sollen zukünftig Wirkverstärker helfen. Die Substanzen binden an Abwehrzellen, die für das Erkennen von Erregern zuständig sind, und versetzen diese künstlich in den Alarmzustand, damit sie stärker auf den eigentlichen Impfstoff ansprechen.

Die Verstärkerzusätze werden seit den 80er Jahren erforscht, kommen jedoch erst jetzt mehr und mehr zum Einsatz. Unter anderem für Malaria könnte dank ihnen in den kommenden Jahren erstmals eine Impfung möglich werden. Bei ersten Studien in Afrika waren rund 70 Prozent der mit einem verstärkten Impfstoff behandelten Probanden anschließend gegen die Mikroparasiten immun. Des Weiteren könnte es mit den Zusätzen sogar möglich werden, das Immunsystem gegen körpereigene Krankheitsherde wie Tumorzellen oder Alzheimerplaques im Gehirn zu richten. Auch diese Anwendungen zeigen bei klinischen Tests an Menschen bereits erste Erfolge.