Was diese Frühmenschen von uns trennt – und was nicht
Kürzlich machte eine Meldung des Max-Planck-Instituts für evolutionäre Anthropologie in Leipzig Schlagzeilen. Ein großes internationales Forscherteam um Svante Pääbo hat entdeckt, dass offenbar manche Menschen in Europa und Asien ein wenig Erbgut von Neandertalern besitzen.
Aus: Spektrum der Wissenschaft, Juni 2010
Bisher sprachen genetische Vergleiche der beiden Menschenarten gegen eine Vermischung. Auch die wenigen zuvor von Neandertalern bekannten Gene deuteten nicht auf nähere Kontakte hin. Von diesen Genen erzählen die französischen Genetikerinnen und Anthropologinnen Anna Degioanni, Virginie Fabre und Silvana Condemi, die unter anderem am französischen Nationalen Forschungszentrum arbeiten, in der Juni-Ausgabe von "Spektrum der Wissenschaft". So besaßen auch einige Neandertaler einen genetischen Defekt, mit dem Betroffene keine dunklen Pigmente mehr bildeten, also vielleicht rote Haare hatten. Nur: Die Mutation war eine andere als bei rothaarigen modernen Menschen.
Die Forscherinnen erläutern, wie Evolutionsgenetiker die Abstammungslinien vom modernen Homo sapiens und vom Neandertaler anhand von akribischen Erbgutvergleichen ermittelt haben. Sie vergleichen etwa punktuelle Mutationen, die sich mit der Zeit anhäufen und auf den Zeitpunkt der Trennung zweier Menschengruppen zurück schließen lassen. Demnach bildeten die Vorfahren von uns und den Neandertalern schon vor über 400 000 Jahren getrennte Populationen. Später entstand dann in Afrika allmählich der so genannte moderne Mensch – und in Europa der klassische Neandertaler.
Dieses Bild zeichnen auch die neuen Befunde aus Leipzig nicht neu. Selbst für gemeinsame Kinder in Europa liefern die Analysen bisher keine Anhaltspunkte. Vielmehr scheinen sich die beiden Menschenformen im Nahen oder Mittleren Osten folgenreich begegnet zu sein. Dort lebten unsere Vorfahren bereits, als sich auch Neandertaler in einer Phase der Eiszeit dorthin begaben.
Erst später, vor vielleicht 40 000 Jahren, drangen moderne Menschen nach Europa vor. Einzelne von ihnen dürften damals ein wenig Neandertalererbgut in sich getragen haben – wie auch zum Erstaunen der Forscher die Vorfahren von heutigen Ostasiaten.
Anna Degioanni und ihre Kolleginnen bestimmten über die genetische Vielfalt auch die Größe der Neandertalerpopulation. Demnach waren diese Frühmenschen nie sehr zahlreich. Zwischen Gibraltar und Westsibirien lebten gleichzeitig wohl nie mehr als um die 5000 bis 10 000 Frauen im gebärfähigen Alter. Die Forscherinnen glauben, dass eine so starke räumliche Zergliederung sie schwächte. Vielleicht konnten sie schon deswegen nicht der starken Konkurrenz des modernen Menschen standhalten.