Mittwoch, 11. Februar 2009

Hirnscans: Bildgebung in der Kritik

Neuroforscher produzieren am laufenden Band bunte Hirnscans, die unsere Vorstellung vom Denkorgan prägen. Doch die Ergebnisse dieser aufwändigen technischen Verfahren sind mit Vorsicht zu genießen.

Aus: Gehirn&Geist, März 2009

"Bildgebende Verfahren" dominieren seit Jahren die Nachrichten aus der Hirnforschung. Techniken wie die funktionelle Magnetresonanztomografie (fMRT) liefern faszinierende Momentaufnahmen des arbeitenden Denkorgans. Doch diese Bilder verleiten viele Laien und selbst Forscher dazu, sich das Gehirn wie eine Art Schweizer Taschenmesser vorzustellen: Für jede geistige Funktion sei eine spezialisierte Hirnregion zuständig. Das entspricht oft nicht der Realität, wie das Magazin "Gehirn&Geist" (Ausgabe 3/2009) erläutert.

"Im Gehirn gibt es nur wenige spezialisierte Regionen", sagt etwa die amerikanische Neurophilosophin Patricia Churchland von der University of California in San Diego. Statt einzelner Hirnareale bilden vielmehr flexible Netzwerke aus weit voneinander entfernten Neuronengruppen die Grundlage dafür, dass unser Denkorgan komplexe kognitive Aufgaben meistert. Die an das Internet angelehnte Metapher von der "verteilten Intelligenz" beschreibt die Arbeitsteilung im Gehirn somit weit besser als das "Schweizer Taschenmesser-Modell".

Für eine gesunde Skepsis gegenüber Hirnscans gibt es noch mehr gute Gründe: Da es vielen Menschen unangenehm ist, in der engen, lauten Röhre eines Hirnscanners zu liegen, ist die Auswahl geeigneter Versuchspersonen beschränkt. Das wiederum macht die Verallgemeinerbarkeit der Resultate fragwürdig. Auch über die Interpretation der mit großem rechnerischem Aufwand erhobenen Daten lässt sich streiten. Bei der funktionellen Magnetresonanztomografie (fMRT) etwa wird die Hirnaktivität nur indirekt über den Sauerstoffverbrauch der Nervenzellen an zuvor definierten Punkten erfasst. Die dabei gemessenen Unterschiede sind an sich gering, werden aber durch die Einfärbung ganzer Regionen auf den Ergebnisgrafiken übertrieben. Tatsache ist, dass vor allem an höherer Denktätigkeit sehr große Teile des Gehirns beteiligt sind. Hirnscans bilden hier sozusagen nur die "Spitze des Eisbergs" ab.

Über Gehirn&Geist:
Gehirn&Geist ist das Magazin für Psychologie und Hirnforschung aus dem Verlag Spektrum der Wissenschaft. Es erscheint seit 2002, mittlerweile in 10 Ausgaben pro Jahr. Fundiert und allgemein verständlich berichten Wissenschaftler und Fachjournalisten in Gehirn&Geist über die Welt im Kopf. Schwerpunkte liegen dabei auf Psyche und Verhalten, Wahrnehmung und Bewusstsein, Intelligenz und Kreativität, Gefühle und Gedächtnis. Neue Erkenntnisse und Trends in der Psychotherapie und Medizin gehören ebenso dazu wie gehirngerechtes Lernen, Kindererziehung, Coaching und gesellschaftliche Debatten. Daneben informieren spezielle Sonderhefte ausführlich über Einzelthemen.

Die Homepage www.gehirn-und-geist.de mit aktuellen Nachrichten, Newsletter und dem kompletten Heftarchiv runden das redaktionelle Angebot ab. Außerdem bieten wir mit www.brainlogs.de das größte deutsche Blogportal für Psychologie und Neurowissenschaften, in dem Experten und Laien diskutieren.

Zu unseren rund 100 000 Lesern gehören Mediziner, Therapeuten, Manager, Lehrer, Eltern, Studenten und Interessierte, die sich umfassend, kompetent und aus erster Hand informieren wollen. Das erfolgreiche Konzept von Gehirn&Geist stand Pate für zahlreiche ausländische Schwestermagazine unter anderem in Italien, Spanien, Frankreich, Brasilien, Belgien und den Niederlanden. Mit "MIND" eroberte ein weiterer Ableger von Gehirn&Geist sogar den hart umkämpften Zeitschriftenmarkt in den USA.