Mittwoch, 3. Februar 2010

Bedrohte Bücher - Zeugnisschutzprogramm

Restauratoren versuchen historisch wertvolle Schriften vor dem Zerfall zu retten. Wie das am besten geht, darüber sind sie sich nicht immer einig.

Aus: epoc, 2/2010

Aufwändige RettungsarbeitenBuchrestauratoren behandeln immer noch mittelalterliche Holzdeckelbände und verzierte Handschriften. Doch die Erhaltung moderner Bücher steht nicht erst seit dem Einsturz des Kölner Stadtarchivs immer öfter im Mittelpunkt ihrer Arbeit. Weil sie eine säurebildende Substanz enthalten, drohen allein in deutschen Bibliotheken rund 60 Millionen Druckschriften und in den Archiven 9,6 Milliarden Blätter zu zerfallen, berichtet das Geschichtsmagazin epoc in seiner aktuellen Ausgabe (2/10). Bisher gibt es drei Möglichkeiten, den Zerstörungsprozess zu stoppen, welche die beste ist, darüber sind sich die Experten nicht immer einig.

Die erste Möglichkeit wirkt sich auf die Lagerung der sauren Papiere aus: Sie müssen kühl und dunkel bei gleich bleibender Temperatur untergebracht werden. Die zweite ist aufwendiger: Restauratoren spalten Seite für Seite die einzelnen Blätter und stabilisieren sie mit einer Zwischenschicht, die zuvor mit einer alkalischen Lösung getränkt wurde. Bei der dritten Möglichkeit werden große Mengen von Büchern gleichzeitig behandelt. Seit den 1990er Jahren haben sich Firmen darauf spezialisiert, Bücher in wässrigen und nicht-wässrigen Flüssigphasen- oder Trockenverfahren in 40- bis 50-Kilogramm-Chargen zu entsäuern.

Mittlerweile durchlaufen jährlich 200 000 Bücher diese Art der Massenentsäuerung. Während Anbieter wie die Preservation Academy Leipzig (PAL) das Verfahren loben, weil es einfach und schnell ablaufe und mit geringen Nebenwirken auskomme, warnen Ausbildungsstätten für Restauratoren wie die Staatliche Akademie der Bildenden Künste in Stuttgart vor zu hohen Erwartungen. Eine wissenschaftliche Studie zur Qualitätskontrolle bei der Massenentsäuerung forderte einheitliche Bewertungskriterien. Das Deutsche Institut für Normung reagierte und empfahl, dass der pH-Wert eines entsäuerten Buchs bei 7 oder höher liegen müsse.

Von den Blatträndern ausgehend verfärben sich die Seiten braun und werden spröde: Die Württembergische Landesbibliothek in Stuttgart hat mittlerweile 80 laufende Meter von zeitgeschichtlich bedeutenden Zeitschriften und Büchern massenentsäuert. Die Bedenken der Mitarbeiter, dass Foto- und Farbseiten beschädigt werden könnten, haben sich als überflüssig erwiesen.

Doch Bibliotheken kämpfen neben dem finanziellen Aspekt der Bestandserhaltung mit einem anderen Problemen: Selbst das Massenverfahren läuft nicht automatisch ab, das Aus- und Einbuchen, die Vorauswahl und die Kontrolle nehmen enorm viel Zeit in Anspruch. Und weil es kein zentrales, deutschlandweites Verzeichnis der Bibliotheksbestände gibt, muss aufwändig recherchiert werden, um herauszufinden, ob die bestimmte Ausgabe eines Buchs überhaupt erhalten werden muss – oder sich leicht ersetzen lässt.

Über epoc:
epoc, das Magazin für Geschichte, Archäologie und Kultur, erscheint seit 2004. Sechsmal pro Jahr vermitteln Forscher und Fachjournalisten auf mehr als 100 Seiten fundiert und unterhaltsam Wissen über historische Themen und zeigen spannende Zusammenhänge aus Kunst, Kultur und Geistesgeschichte auf. Ein jeweils umfassend beleuchtetes Titelthema zu zentralen Ereignissen, Persönlichkeiten und Kulturen der Welt sowie spannende Reportagen und Essays überzeugen alle zwei Monate rund 40 000 Leser.

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