Mittwoch, 3. Februar 2010

Pilgern - Der lange Weg zum Seelenheil

Seit der Antike pilgern Männer, Frauen und Kinder zu heiligen Stätten. Im Mittelalter wurden die Reisenden zu einem Wirtschaftsfaktor.

Aus: epoc, 2/2010

"Europa ist auf der Pilgerschaft geboren, und das Christentum ist seine Muttersprache", soll Johann Wolfgang von Goethe einmal gesagt haben. Mit dieser Einschätzung traf der Dichter ins Schwarze: Kaum etwas hat die Infrastruktur Europas im Mittelalter so geprägt wie die unzähligen Pilgerwege, berichtet das Geschichtsmagazin epoc in seiner aktuellen Ausgabe (2/10). Die Gläubigen machten sich auf den oft langen und gefährlichen Weg, um zu danken, zu bitten und zu bereuen. Schließlich glaubten sie, dass Gott und die Heiligen einem in der Fremde Reisenden eher beistehen würden als einem gewöhnlichen Bittsteller.

Dabei haben die Christen das Pilgern nicht erfunden. Die jüdische und die heidnische Volksfrömmigkeit boten ausreichend Formen, die übernommen und angepasst werden konnten. Seinen Ursprung hatte das christliche Pilgern im Besuch der heiligen Stätten in Jerusalem. Im 13. Jahrhundert erlebten dann auch viele europäische Wallfahrtszentren einen Aufschwung. Allein nach Santiago de Compostela reisten von 1250 bis zirka 1500 rund 500 000 Gläubige. Aber wer waren die Männer und Frauen, die meist zu Fuß die beschwerlichen Reisen auf sich nahmen? Einen Überblick über ihre Motive, Ziele und die Gefahren, die am Wegesrand lauerten, geben der Theologe Manfred Becker-Huberti von der Philosophisch-Theologischen Hochschule Vallendar und epoc-Redakteurin Claudia Mocek.

Die religiöse Pilger-Praxis wirkte sich auch ökonomisch aus: Es wurde zu einem wichtigen Wirtschaftsfaktor. Die Geschäftemacherei mit den frommen Besuchern prägte die Entwicklung ganzer Regionen, zeigt der Historiker Klaus Herbers von der Universität Erlangen-Nürnberg am Beispiel der Pilgerzentren Aachen und Santiago de Compostela. Der Bedarf der Reisenden an Unterkünften und Bewirtung war groß. Und ihre großzügigen Opfergaben bescherten den Kirchen und Orten entlang der Routen Prestige und Wohlstand. Sogar die Architektur der Städte wurde durch die wachsende Pilgerökonomie beeinflusst.

Eines der populärsten Ziele der Heilssucher in Europa war das Grab des Apostels Jakobus in Santiago de Compostela. Der Legende aus dem 8. Jahrhundert zufolge hatten wundersame Himmelserscheinungen einem alten Eremiten den Weg zu dem heiligen Ort gewiesen. Erstaunlich nur, dass bis ins 11. Jahrhundert keine einzige Quelle davon berichtet, dass der Jünger Jesu jemals spanischen Boden betreten hat. Der Ethnologe Robert Plötz entschlüsselt die verworrene Überlieferungsgeschichte und erläutert, wie kirchenpolitische Ränkespiele dazu führten, dass sich der Jakobuskult in ganz Europa verbreitete.

Über epoc:
epoc, das Magazin für Geschichte, Archäologie und Kultur, erscheint seit 2004. Sechsmal pro Jahr vermitteln Forscher und Fachjournalisten auf mehr als 100 Seiten fundiert und unterhaltsam Wissen über historische Themen und zeigen spannende Zusammenhänge aus Kunst, Kultur und Geistesgeschichte auf. Ein jeweils umfassend beleuchtetes Titelthema zu zentralen Ereignissen, Persönlichkeiten und Kulturen der Welt sowie spannende Reportagen und Essays überzeugen alle zwei Monate rund 40 000 Leser.

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