Montag, 1. Februar 2010

Gegen Stress geimpft

Seelische Abwehrkräfte sind zum Teil genetisch bedingt – doch auch die Erziehung spielt eine große Rolle.

Aus: Gehirn&Geist, März 2010

Woran liegt es, dass manchen Menschen weder schwierige Lebensumstände noch Schicksalsschläge etwas anhaben können, während solche Belastungen andere aus der Bahn werfen? Laut Forschern entscheidet das komplexe Zusammenspiel von biologischen und sozialen Faktoren darüber, ob wir einen starken seelischen Schutzpanzer entwickeln: Bestimmte Erbanlagen sind dabei offenbar genauso wichtig wie Erziehung und Umwelt. Das berichtet das Wissenschaftsmagazin Gehirn&Geist in seiner aktuellen Ausgabe (Heft 3/2010).

Unter "Resilienz" verstehen Psychologen die Fähigkeit, auf herausfordernde und belastende Lebenssituationen flexibel zu reagieren. Der Entwicklungspsychologe Wassilios Fthenakis von der Freien Universität Bozen (Italien) betont die Rolle der Eltern: "Der wichtigste Faktor für eine gesunde psychische Entwicklung ist die Familie", erklärt der Forscher in Gehirn&Geist. Kinder, die wenig Unterstützung erfahren, trauten sich oft auch im späteren Leben nicht, Verantwortung zu übernehmen und Konflikte zu bewältigen.

Doch auch unser genetische Erbe beeinflusst die seelischen Abwehrkräfte. So scheint ein Gen, das die Verfügbarkeit des Hirnbotenstoffs Serotonin reguliert, mit zu entscheiden, wie leicht Menschen Schicksalsschläge wegstecken. Eine Studie unter Opfern der verheerenden Hurrikans Catrina 2004 zeigte: Träger einer ungünstigen Variante des Gens erkrankten eher an einer psychischen Störung wie Depressionen als andere Menschen. Das galt allerdings nur, wenn die Betroffenen der Katastrophe besonders stark ausgesetzt waren und zugleich wenig soziale Unterstützung erfuhren.

In Tierversuchen gelang es Neurobiologen vom Max-Planck-Institut für Psychiatrie in München zudem, einzelne Gene gezielt auszuschalten, die beispielsweise an der Herstellung von Stresshormonen beteiligt sind. Das Fernziel der Forscher: Eines Tages mit einem speziellen "Resilienz-Cocktail" von Wirkstoffen die seelischen Abwehrkräfte von Menschen zu stärken.

Über Gehirn&Geist:
Gehirn&Geist ist das Magazin für Psychologie und Hirnforschung aus dem Verlag Spektrum der Wissenschaft. Es erscheint seit 2002, mittlerweile in 10 Ausgaben pro Jahr. Fundiert und allgemein verständlich berichten Wissenschaftler und Fachjournalisten in Gehirn&Geist über die Welt im Kopf. Schwerpunkte liegen dabei auf Psyche und Verhalten, Wahrnehmung und Bewusstsein, Intelligenz und Kreativität, Gefühle und Gedächtnis. Neue Erkenntnisse und Trends in der Psychotherapie und Medizin gehören ebenso dazu wie gehirngerechtes Lernen, Kindererziehung, Coaching und gesellschaftliche Debatten. Daneben informieren spezielle Sonderhefte ausführlich über Einzelthemen.

Die Homepage http://www.gehirn-und-geist.de mit aktuellen Nachrichten, Newsletter und dem kompletten Heftarchiv runden das redaktionelle Angebot ab. Außerdem bieten wir mit www.brainlogs.de das größte deutsche Blogportal für Psychologie und Neurowissenschaften, in dem Experten und Laien diskutieren.

Zu unseren rund 100 000 Lesern gehören Mediziner, Therapeuten, Manager, Lehrer, Eltern, Studenten und Interessierte, die sich umfassend, kompetent und aus erster Hand informieren wollen. Das erfolgreiche Konzept von Gehirn&Geist stand Pate für zahlreiche ausländische Schwestermagazine unter anderem in Italien, Spanien, Frankreich, Brasilien, Belgien und den Niederlanden. Mit "MIND" eroberte ein weiterer Ableger von Gehirn&Geist sogar den hart umkämpften Zeitschriftenmarkt in den USA.